Geduld will geübt sein.

 

„Ho’o manawa nui!“ – „Hab Geduld!“ Diese Redewendung hört man auf Hawai’i sehr häufig. Wörtlich übersetzt heißt sie „Nimm dir viel Zeit!“
Auch wenn Geduld als Tugend gilt, ist es für die meisten von uns Alltagsrealität, dass es überall schnell gehen muss, und dass alles jetzt und sofort funktionieren und zur Verfügung stehen soll. Wir lassen uns von (vermeintlichen) äußeren Dringlichkeiten antreiben statt Menschen und Entwicklungen ihre Zeit zu lassen. Und was und wer uns aufhält oder in die Quere kommt, macht uns ungeduldig und gereizt.

 

Geduld macht gelassen. 

Geduld ist also eine schwierige Tugend in unserer Lebenswelt. In Bewerbungsgesprächen kokettieren viele mit „Ungeduld“, wenn sie nach ihren „Schwächen“ gefragt werden. Damit verbinden sie ein positives Image. Ungeduld signalisiert Engagement, Unternehmungsgeist, Tatkraft. Was dabei leicht unter den Tisch fällt, sind Begleiterscheinungen wie Gereiztheit, Unruhe, Fehlentscheidungen, Aktionismus.

Geduldig sein ist nämlich mehr als nur warten zu können. Geduld ist die Fähigkeit, es ohne Verdruss, Nervosität oder Anspannung auszuhalten, wenn sich unsere Wünsche und Erwartungen nicht erfüllen. Das passiert bei trivialen Alltagsvorkommnissen: Die Kreuzung wird auch bei grün nicht frei, der Fahrstuhl funktioniert nicht, mein Kind trödelt. Das können aber auch existentielle Themen sein: Lebensentwürfe gehen nicht auf, Zukunftsträume halten der Realität nicht stand, berufliche Pläne werden durchkreuzt.

 

Unterschiedliche Gegebenheiten erfordern Geduld.

Geduld brauchen wir also immer dann, wenn etwas NICHT PASSIERT, wenn etwas, das wir uns vorgestellt oder erwartet haben, NICHT eintritt und wir damit nicht einverstanden sind. Manchmal bedeutet das, dass wir unsere Vorstellungen aufgeben oder unsere Erwartungen revidieren müssen. Manchmal bedeutet es aber „nur“, dass sie sich NOCH NICHT erfüllen, dass es länger dauert als gedacht, dass noch Hindernisse zu überwinden sind, dass andere Mittel und Wege zu finden sind.

In unserer Lebenswelt brauchen wir Geduld aber auch häufig, wenn ZUVIEL PASSIERT. Wenn die Aufgaben und Verpflichtungen sich häufen, wenn zu viele Informationen und Forderungen gleichzeitig auf uns einstürmen, wenn wir versuchen, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen oder wenigstens keines davon zu vergessen. Hektische Versuche, alle Bälle in der Luft zu halten, lösen Druck und Stress aus. Und sie machen uns ungehalten gegenüber allen und allem, das uns aufzuhalten scheint.

 

Geduld ist nicht passiv.

Je größer der Stress, desto vehementer werden Appelle zu Geduld abgelehnt. Dieser Widerstand kommt aus dem Missverständnis, Geduld sei etwas Passives, Gleichgültiges.

Doch Geduld heißt nicht lethargisch die Hände in den Schoß zu legen und nichts mehr zu tun. Geduld ist eben kein unbeteiligtes Aussitzen, kein phlegmatisches Geschehenlassen. Sie ist auch kein angstvolles Erstarren oder Wegducken aus Panik.

Geduld ist eine „Wartekraft“, eine aktive und bewusste Entscheidung dafür, dem Werden und der Entwicklung den nötigen Raum zu geben.

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“ besagt ein bekanntes Sprichwort. Das ist zwar offensichtlich, dennoch ist es eine Herausforderung, die eigenen Wünsche und Vorstellungen loszulassen, sie zumindest auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Geduld bedeutet Akzeptanz aufzubringen für das, was ich nicht ändern kann. Diese Akzeptanz ist innere Arbeit. Sie ist die Frucht einer oft mühsamen Auseinandersetzung mit ungewollten Realitäten, die ihre Zeit braucht. Und es braucht Geduld, uns diese Zeit zu nehmen und sie anderen zu gönnen.

Geduld aufzubringen ist eben nicht leicht. Sie fällt uns nicht in den Schoß. Doch wir können sie lernen. Im Deutschen sprechen wir von „Geduld üben“. Üben bedeutet etwas immer wieder zu tun. Immer wieder aushalten, dass die Dinge ihre Zeit brauchen. Immer wieder die eigenen Erwartungen korrigieren. Immer wieder durchatmen und warten lernen.

 

Geduld gründet sich auf Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen.

Wahrscheinlich hast du selbst auch schon die Erfahrung gemacht, dass sich dir erst im Nachhinein erschlossen hat, welche Bedeutung bestimmte Ereignisse für dich hatten, und welche Konsequenzen sich letztlich daraus ergeben haben. Geduld setzt die Zuversicht voraus, dass Dinge sich auch ohne unser drängendes Zutun neu ordnen. Geduld vertraut darauf, dass in einer Situation und in Menschen immer mehr steckt, als wir in einem Augenblick erfassen können. Ihre Frucht ist die Zuversicht, etwas zu finden, was (noch) verborgen ist.

Dafür ist es wichtig, die Hoffnung zu nähren, dass immer wieder etwas Neues beginnt. Und dann kann aus der Hoffnung die Gewissheit werden, dass es werden wird, ohne dass ich schon sehe und verstehe, was und wie. Diese Hoffnung bewahrt uns davor, panisch zu reagieren und uns von Angst gesteuert zu blindem Aktionismus hinreißen zu lassen. Diese Hoffnung befreit uns aus Lethargie und Passivität, in der wir alles teilnahmslos oder deprimiert über uns ergehen lassen. Diese Hoffnung lässt uns die Geduld aufbringen darauf zu warten.

Zuversicht und Hoffnung verbinden sich mit unserer Redewendung „Das geht über meinen Horizont“. Einerseits meinen wir mit Horizont die Grenzlinie zwischen der sichtbaren Erde und dem Himmel und andererseits bezeichnen wir damit den Grad von Verständnis, das Maß an Bildung. Ohne Hoffnung ist unser Horizont eng begrenzt auf das, was wir direkt vor uns erkennen. Immer da, wo du deinen individuellen Horizont siehst, ist deine Geduld gefragt. Denn auch wer über einen weiten Horizont verfügt, stößt irgendwann an eine Grenze, die er nur mit Hoffnung und Zuversicht überwinden kann.

 

Geduld übersteigt den Horizont.

In dem Song „Hinterm Horizont geht’s weiter“ von Udo Lindenberg geht es um Vertrauen, wenn mir die Entscheidung genommen ist. Das Vertrauen darauf, dass etwas weitergeht, nicht nach meiner Vorstellung, nicht auf meine Weise, auch ohne mein direktes Zutun. Ich lasse mich darauf ein, nicht alles zu wissen, nicht alles zu managen, nicht alles zu kontrollieren. Dass wir nicht alles vorhersehen und absehen können ist auch ein Geschenk. Und es liegt eine Chance darin: erst wenn etwas zu Ende geht, fängt etwas anderes an. Das Vertrauen in einen größeren Sinnzusammenhang, auch wenn ich ihn noch nicht entdecken kann, weckt die Bereitschaft, guten Mutes und gelassen darauf zu warten. Mit Geduld kommen wir auch an verborgene Schätze.

 

PS: In den aktuellen Resilienzperlen geht es um die Fähigkeit des Wartens – wenn du interessiert bist, melde dich gerne dazu an.
Und mein Online-Angebot im Dezember ist ein Resilienz-Adventskalender, um in der Wartezeit auf Weihnachten Tag für Tag mehr Freude und Gelassenheit zu üben.

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